Kapitel 2

„Sie wollen mir also sagen, dass das Netzwerk sperrangelweit offen für Hacker steht?“, fragt der Chef. Der Abteilungs-Arschkriecher nickt. Ich hingegen schüttle den Kopf. Dreimal dürft ihr raten, wem er glaubt.

„Und was haben Sie gegen diese Sicherheitslücken unternommen?“, fragt der Chef, mittlerweile mehr als nur ein bisschen besorgt. „Tja...“ Ich überdenke das Thema sorgfältig für fast eine Nanosekunde, bevor ich meine Antwort präsentiere. „Gar nichts.“

„Aber unser Netzwerk ist völlig schutzlos! Die sicherheitstechnischen Auswirkungen sind fatal!“ „Das ist korrekt“, sage ich. „Mein vielgeschmähter Mit-‚Arbeiter‘ hat mit seiner Diagnose unserer Situation den Nagel zwar nicht auf den Kopf, aber immerhin daneben getroffen. Ich werde das jetzt mal zusammenfassen:

Falls es tatsächlich jemandem gelingen sollte, beide Sieben-Stift-Zylinderschlösser an einer der Türen zum Serverraum zu knacken, die Alarmanlagen und Überwachungskameras zu umgehen, den abgeschlossenen FDDI-Käfig zu öffnen oder sich alternativ durch 15 Zentimeter dicken Stahlbeton in einer Rohrleitung zu graben, die vier Fuß tief unter einer belebten Vorstadtstraße vergraben ist, um dann unsere Glasfaserkabel anzuzapfen, ohne dass wir es merken... ja, dann stehen wir sperrangelweit offen.

Falls dies jedoch, wie ich vermute, ein plump getarnter Versuch unseres Abteilungs-Arschkriechers ist, sich eine Sprosse auf der Privilegien-Leiter nach oben zu mogeln, um eine Dienstreise zur Begutachtung neuer Sicherheitssoftware abzustauben, dann halte ich unsere Gefährdungslage für geringfügig übertrieben.“

„Haben Sie gerade Dienstreise gesagt?“, fragt der Chef mit leuchtenden Augen. TREFFER, VERSENKT!

„Ja“, wirft der Arschkriecher unschuldig ein. „Nur zu einem Hersteller in den USA, der eine Software hat, die Datenströme vierfach verschlüsselt, während die Datenintegrität erhalten bleibt und die Bandbreite nicht beeinträchtigt wird.“ Natürlich hat der Chef, sobald das Wort „USA“ fällt, sofort Visionen von sich selbst, wie er das „Evaluierungsverfahren“ an einem gemütlichen Strand überwacht und im nächstgelegenen Luxusresort logiert – wegen der zentralen Lage, versteht sich. Klar doch.

Der Arschkriecher grinst hämisch, während seine Träume von einem Urlaub auf Firmenkosten Gestalt annehmen. Es kommt mir fast wie ein Verbrechen vor, seine Träume mit der Eisenstange der Realität zu zertrümmern, aber Netzwerk-Engineering ist nun mal ein schmutziges Geschäft...

„Nun, das klingt wirklich nach einer guten Idee. Ich glaube jedoch, dass es da eine fünffach verschlüsselnde Software bei einem Hersteller gibt, der sich gerade auf einer sechswöchigen Tour durch die Staaten befindet und mit dem ich bereits ein Treffen arrangiert habe.“

Um meiner Aussage mehr Gewicht zu verleihen, wedle ich kurz mit einem Blatt Papier herum, das eine beeindruckende Handschrift und einen offiziellen Briefkopf trägt. Die müssen ja nicht wissen, dass es eigentlich von meinem Anwalt ist, der versucht, mich gegen ein paar verleumderische Anschuldigungen wegen einer illegalen Abhöraktion an meinem früheren Arbeitsplatz zu verteidigen (eine miese Erpressungs-Behauptung, völlig frei erfunden von anderen Kollegen, die eifersüchtig auf mein sechsstelliges Gehalt und meinen Fünf-Minuten-Arbeitstag waren).

Das Papier in diesem Stadium vorzuzeigen ist natürlich eigentlich unnötig, da der Chef es sowieso glauben will... Ich gebe ihm das „Spesenritter-Zunicken“ und füge hinzu: „Hoffentlich können wir sie noch abfangen, da sie Buchungsprobleme hatten und ihre Veranstaltungsorte und Termine noch mal überarbeiten mussten.“

Jetzt hat der Chef freie Bahn auf höchstem Junket-Niveau. Er hat zwei Optionen: Entweder er fliegt mit dem Arschkriecher für einen kurzen Urlaub mit einem winzigen Anteil an technischem Inhalt in die Staaten, oder er fliegt mit mir fünf Wochen lang auf Spesen durch die USA, wobei wir den Hersteller nie ganz erwischen, mit leeren Händen nach Hause kommen und immer noch Verschlüsselungssoftware brauchen (mit anderen Worten: bereit für die nächste Sause), null technischer Inhalt, dafür aber die latente Gefahr einer Alkoholvergiftung.

Wählt er die erste Option, wird der Arschkriecher unter der jeweiligen Prüfung einknicken. Der Chef lächelt. Ich lächle. Wir beide lächeln. Der Arschkriecher schluchzt – er weiß, was die Stunde geschlagen hat.

„Natürlich“, sage ich, „wollen wir den Beschaffungsprozess nicht unnötig verkomplizieren und unsere Ressourcen bei der Recherche nicht zu dünn säen. Ein kleines Team, das sich auf die Hardware konzentriert, sollte reichen.“ Einleitung des Vertuschungsplans.

„Ja“, pflichtet der Chef wissend bei, „...zu viele Köche und so weiter. Eine kleine personelle Umstrukturierung scheint angebracht... Ich habe gehört, in unserer Abteilung für Standort-Instandhaltung in Hartlepool ist gerade eine Stelle als technischer Berater frei geworden.“

Tränen steigen in die Augen des Arschkriechers, während er vor seinem geistigen Auge die nächsten fünf Jahre mit Gartenarbeit und Mülleimerleeren verbringt...

„Das trifft sich doch hervorragend, Sir. Soll ich die Tickets gleich buchen?“

Ich versuche, es nicht als Bosheit zu betrachten – ich bringe den Job einfach nur zu Ende.


Revision #1
Created 2026-05-05 14:37:44 UTC by Oliver Schoenemann
Updated 2026-05-05 14:38:15 UTC by Oliver Schoenemann