Kapitel 8 Ich sitze an meinem Schreibtisch und konfiguriere gerade meinen Netzwerkmonitor um, als das Telefon klingelt. Die Anrufer-ID verrät mir, dass es einer der Berater aus der Abteilung der Erbsenzähler im sechsten Stock ist. Ich nehme den Hörer ab, sage „Falsch verbunden“ und lege wieder auf. Ich weiß, dass es eine falsche Nummer ist – meine ist intern nämlich gar nicht gelistet. Die Nummer, die tatsächlich im Verzeichnis steht, klingelt (glaube ich) in einer abgeschlossenen Rumpelkammer im Keller durch. Gerüchten zufolge wurde dort sogar schon mal abgehoben... Netzwerk-Engineering hat, genau wie eine exklusive Kreditkarte, eben seine Privilegien. Das Telefon klingelt erneut, und ich fange an, mir Sorgen zu machen. Zweimal an einem Tag ist dann doch etwas übertrieben. „Hallo?“, frage ich, ohne zu viel preiszugeben. „Ist da der Netzwerktechniker?“, fragt eine Stimme. Das beunruhigt mich noch mehr. Es gibt nur eine einzige Person, die meine Durchwahl kennt – das ist der Systemoperator, und der weiß eigentlich genau, dass er sie niemals an einen User weitergeben darf. Zumindest dachte ich, er wüsste es besser. „Ja?“, antworte ich. „Ich habe ein kleines Problem mit meiner Verbindung“, sagt die Stimme. „Rufen Sie den Helpdesk an“, erwidere ich und lasse den Hörer zurück in die Gabel fallen. Und wieder fängt das Ding an zu klingeln. „Ich habe den Helpdesk schon angerufen!“, jammert die Stimme. „Die haben gesagt, ich soll Sie anrufen!“ Oh weh. Hier laufen gleich drei Dinge gewaltig schief: Erstens, ein User kennt meine Durchwahl, was zweitens bedeutet, dass der Helpdesk wieder mit dem Operator getratscht hat; aber noch viel wichtiger: Drittens, der Operator gibt meine Nummer an Leute raus. Das ist gar nicht gut. Wenn ich Anrufe gewollt hätte, hätte ich eine Anzeige in der Rubrik „Bekanntschaften“ aufgegeben. Ich gehe der Sache am besten sofort auf den Grund, bevor sie völlig aus dem Ruder läuft. „Warum hat der Helpdesk gesagt, Sie sollen mich anrufen?“ „Weil sie nicht wissen, was die Beschriftung auf den Patchpanels bedeutet.“ Mein Netzwerkmonitor fängt jetzt an, mich anzupiepsen, was meinen Besorgnisgrad in die oberen Prozentbereiche treibt. „Auf meinen Patchpanels?“, frage ich. „Nein, auf denen hier oben in unserem Bereich im sechsten Stock.“ „Doch. Meine Patchpanels. Die, die ich vor jedem anderen wegschließe“, schäume ich. „Nun, ich...“ „Moment mal. Eine Frage: Was hatten Sie im Verteilerschrank zu suchen?“ „Tja, meine Verbindung war weg, also habe ich...“ „Also sind Sie in den Verteilerschrank eingebrochen?“ „Nein, nicht eingebrochen – der Operator hat mir den Schlüssel gegeben.“ „Der Ex-Operator hat Ihnen den Schlüssel gegeben?“ „Ja.“ Ich schnappe mir das Telefon, gehe zum Sichtfenster und mache den Operator auf mich aufmerksam. Er verlässt den Raum und kommt in meine Richtung auf den Flur. „Und Sie haben irgendwas angefasst, nicht wahr?“, frage ich ins Telefon, wohlwissend, dass das Schlimmste eingetreten ist. „Äh... ich... also...“ „Die hübschen Lichter haben Sie magisch angezogen, und Sie haben irgendwas angefasst. Leugnen zwecklos, ich weiß es, und Sie wissen es auch. Und wenn ich mich nicht irre, wird es auch der Großteil Ihrer Abteilung sehr bald wissen. Was haben Sie angefasst?“ „Na ja, ich dachte, der Router wäre vielleicht abgestürzt, also habe ich...“ „Stopp! Nächste Frage. Woher kennen Sie das Wort ‚Router‘?“ „Das habe ich in einem Handbuch gelesen, das ich bei Di...“ „WAS?! Sie haben also auch noch verbotene Literatur gelesen?“ „Es ist nicht verboten, zu le...“ „Halt! Das Buch stand in der Technik-Abteilung, richtig?“ „Nun, es...“ Inzwischen ist der Operator in meinem Büro angekommen und hat die Bedeutung der Töne begriffen, die aus dem Netzwerkmonitor dringen. „Was hatten Sie in der Technik-Abteilung zu suchen? Sie wissen genau, dass Sie dort nichts verloren haben! Aber lassen Sie mich das Ganze mal zusammenfügen: Sie überfliegen einen technischen Wälzer, warten auf Ihre Chance, beeindrucken den leichtgläubigen Ex-Operator mit einem Haufen Buzzword-Lügen und booten dann – unter dem falschen Eindruck, der Router sei ausgefallen – das Gerät neu. Haben Sie, oder?“ „Äh... ja. So ungefähr. Ich wusste nicht, welcher der drei Router die Störung verursacht hat, also habe ich...“ „Sie haben sie alle gebootet, nicht wahr?“ Tatsächlich zeigt mein Bildschirm den sechsten Stock als ein einziges rotes Meer an. „Äh, ja. Ich habe mich nur gefragt, ob ich sonst noch was hätte tun sollen.“ Ich sehe den „Ex“-Operator direkt an und antworte ins Telefon: „Nun, wo Sie es erwähnen: Ja, da gibt es noch was. Das übliche Verfahren nach dem Verursachen eines massiven Netzwerkausfalls besteht darin, seine persönlichen Sachen vom Schreibtisch und vom Arbeitsplatz einzusammeln – vergessen Sie Ihre Kaffeetasse nicht – und sich dann in einen großen, offenen Bereich zu setzen, bis der Sicherheitsdienst kommt, um Sie aus dem Gebäude zu eskortieren.“ „Aber ich...“ „Oh, und stellen Sie sicher, dass man Sie nicht nach Schlüsseln oder Ihrem Dienstausweis durchsuchen muss. Ich habe gehört, dass Leuten dabei schon fiese Unfälle passiert sind. Tschüss dann! Ach, und falls Sie meine Durchwahl irgendwo aufgeschrieben haben, rate ich Ihnen, den Zettel sehr sorgfältig zu entsorgen.“ Er legt auf, und ich schicke mich an, unserem Operator zu zeigen, warum am elektrischen Tacker all diese Warnschilder kleben, dass man seine Körperteile fernhalten soll.