Kapitel 6
Das Problem, wenn man auf einer Sause – Verzeihung, auf einer „Informationsreise“ – in den Staaten war, ist der verdammte Haufen Papierkram, den man danach aufarbeiten muss. Normalerweise schiebe ich das einfach beiseite, und wenn sich einer der Sesselpupser von oben beschwert, wird ihm schleunigst die Tür gewiesen, sobald der CEO beleidigende E-Mails von dessen PC erhält. Es ist erstaunlich, was für unanständige Wörter diesen Bürohockern manchmal einfallen.
Aber diesmal ist es anders. Es ist wieder Zeit für das jährliche Budget, was bedeutet, dass ich mal wieder die Folien für „Grundlagen der Informatik“ ausdrucken muss, um dem technischen Management-Ausschuss zu erklären, warum wir über eine Aufrüstung unseres Netzwerks nachdenken sollten. Ich überlege kurz, die Folien „Dies ist ein BIT, dies ist ein BYTE“ wegzulassen, entscheide mich aber dagegen, als mir einfällt, dass einer im Ausschuss Schuhe mit Schnürsenkeln meidet, weil er sonst morgens eine Stunde länger braucht, um fertig zu werden...
Während ich plane, klingelt das Telefon. Die Anrufer-ID verrät mir, dass es ein fieses Exemplar aus der PR-Abteilung ist, das gestern – wie es der Zufall wollte – das Glück hatte, in eine Parklücke zu flutschen, in die ich gerade reinfahren wollte. „Glück“ ist natürlich ein relativer Begriff und unterliegt im Laufe der Zeit gewissen Korrekturen. Diese Zeit ist jetzt. Ich drücke die Taste für „Gesprächsaufzeichnung“.
„Hallo, Netzwerk-Admin“, sage ich. „Ich brauche eine PCMCIA-Netzwerkkarte für meinen Laptop. Bis Freitag, 9:00 Uhr morgens.“ Natürlich ist es Donnerstagnachmittag, 15:45 Uhr. „Ah, Geräteneuanschaffungen müssen über Ihre eigene Abteilung laufen“, sage ich. „Dann müssen Sie mir eben eine leihen. Der Bestellvorgang würde nicht rechtzeitig durchgehen. Außerdem ist es mein privater Rechner, ich muss dem CEO eine Präsentation halten, an der ich zu Hause gearbeitet habe.“ „Wäre es nicht besser, das Ganze per Backup-Disketten auf Ihren Dienstrechner zu übertragen?“, frage ich und bete innerlich um die gewünschte Reaktion. „Seien Sie nicht albern, das würde ja ein Jahr dauern, das alles zu sichern. Besorgen Sie mir einfach eine Karte, dann halte ich die Präsentation morgen direkt von meinem Laptop.“ „Nun ja, ich habe gleich einen... Arzttermin, ich werde also keine Zeit haben, Ihren Rechner für die Karte zu konfigurieren“, sage ich und gebe ihm die Chance, sich ein schönes, großes Loch zu graben. „Außerdem bin ich morgen erst gegen 9:30 Uhr im Büro.“ „Ich mach die verdammte Konfiguration selbst!“, knurrt er. „Das ist keine Raketenwissenschaft, egal was ihr Geeks uns immer weismachen wollt!“
Loch gegraben, schön tief. Jetzt geht’s an die Feinarbeit am Rand... „Ich weiß nicht... wenn Sie was falsch machen oder die Karte inkompatibel ist...“ „ES IST EINE VERDAMMTE PCMCIA-KARTE! WIE KANN DIE INKOMPATIBEL SEIN?!“ Das Loch ist perfekt, es sieht eigentlich schon fast wie ein Grab aus. „Na gut, okay. Ich lege eine in den Geräterraum. Aber nehmen Sie eine Netzwerkkarte und keine SICHERHEITS-Netzwerkkarte. Kennen Sie den Unterschied?“ Er schäumt jetzt vor Wut, und es gibt keine Chance, dass er Unwissenheit zugibt. „LASSEN SIE EINFACH DIE VERDAMMTE KARTE DRAUSSEN LIEGEN, ICH HOL SIE MIR MORGEN FRÜH!“ „Na gut...“ Er legt auf.
Aus dem „Dokumentations“-Safe hole ich die „spezielle“ PCMCIA-Karte und lege sie im Geräterraum auf den Tisch. Am nächsten Tag trudle ich gegen 9:30 Uhr ein, gerade rechtzeitig, um ins Büro des CEO zitiert zu werden. „WAS ZUR HÖLLE IST HIER LOS?“, tobt er. „Worum geht es?“, frage ich, die Unschuld in Person. „UM DIESE VERDAMMTE EXPLODIERENDE NETZWERKKARTE, DIE CARSON AUS DER PR BEKOMMEN HAT!“ „Explodierende Netzwerkkarte? Was für eine explo... Ach du meine Güte. Er hat doch nicht etwa versucht, eine SICHERHEITS-Netzwerkkarte in seinen Rechner einzubauen, oder? Ich habe ihm gestern gesagt, er solle beim Einbau und der Konfiguration vorsichtig sein. Die sind so programmiert, dass sie sich selbst zerstören, wenn jemand versucht, ihre Zugriffsparameter zu umgehen...“ „Mit Selbstzerstörung meinen Sie...?“ „Nun ja, da ist eine winzige Nitratladung drin, die die Schaltkreise durchbrennt...“ „Oder vielleicht ein Loch so groß wie eine Untertasse in den besagten Laptop sprengt?“ „Die ERSTE Charge hatte tatsächlich noch Kinderkrankheiten, weshalb ich sie ja im Geräterraum gesammelt habe, um sie an den Hersteller zurückzuschicken. Aber sie hätte gar nicht erst benutzt werden dürfen. Ich habe Carson gestern gewarnt, als er gefragt hat – es ist alles auf den Tonbändern...“
Viel später, als ich beobachte, wie der Name „Carson, MJ“ vom Etagenverzeichnis entfernt wird und „Carson, MJ“ höchstpersönlich vom Gelände entfernt wird, frage ich mich unwillkürlich, was die Leute eigentlich glauben lässt, sie könnten das System schlagen. Es ist ein gutes System. Es ist MEIN System. Ich mag es.
So, und jetzt zurück zur Planung für die Budgetsitzung...