Kapitel 7
Nach ein paar Tagen Abwesenheit versuche ich immer, etwas früher reinzukommen, um alles aufzuarbeiten. Als ich also gegen 11 Uhr aufschlage, finde ich den Laden unheimlich ruhig vor. Das könnte zweierlei bedeuten: Entweder hat mein Stellvertreter meine Abwesenheit nicht überlebt, oder er wurde vom Chef gehirngewaschen und beide hocken versteckt vor dem Monitor des geschlossenen „BOFH-Überwachungssystems“, das sie irgendwie während meiner Abwesenheit installiert haben. Ein kurzer Scan aller geeigneten Kamerapunkte zeigt, dass nichts derart Technisches passiert ist (vielleicht hat der Chef sich erinnert, dass es schon beim ersten Versuch nicht funktioniert hat), also warte ich auf das Klopfen an der Tür.
Ich werde nicht enttäuscht. „Morgen, Operator!“, dröhnt der Chef, während er hereinstampft. Merkwürdig, der Chef und ich sind per Du, normalerweise nennt er mich „den Bastard“. Moment mal, das ist ein ganz anderer Chef. „Sie fragen sich sicher, wer ich bin.“ Der ist auf Zack, der Neue. „Könnte man so sagen“, antworte ich. „Was ist aus der Vorgänger-Generation geworden?“ „Unerfreuliche Sache. Haben laut den Sanitätern Überwachungskameras installiert oder so was. Irgendwas machte ‚Bumm‘ und da lagen sie beide, ziemlich verkohlt und überrascht dreinschauend. Aber egal, ich bin ja jetzt da, sehen wir es also positiv.“
Unschön. Ah, sie haben es also doch mit den Kameras versucht. Ein Glück, dass ich daran gedacht hatte, alle Videokabel an den Drehstrom anzuschließen.
„Während Sie weg waren, haben wir beschlossen, ein paar Änderungen vorzunehmen“, sagt der Chef. „Wir?“ (Was ich wirklich hasse, ist, wenn jemand versucht, mein System zu ändern). „Uns ist aufgefallen, dass die Systeme hier langsam sind“, fährt er fort, „und dass wir neues Equipment brauchen, um mitzuhalten. Es scheint, als ob das neue Zeug, das sie letzten Monat gekauft haben, mit der ganzen Software einfach nicht klarkommt.“
Für eine Minute dachte ich, es gäbe Ärger; aber es scheint, als hätte sich meine Taktfrequenz-Drosselung ausgezahlt. Ein feines Stück Querdenken: Man kaufe das Gehäuse, das der Lieferant empfiehlt, takte es von 133 MHz auf 13 MHz runter und warte darauf, dass jemand schlussfolgert, man bräuchte etwas zehnmal Schnelleres für die Arbeit. Nicht nur das, der Lieferant wird auch noch verklagt, weil er uns ungeeignetes Material verkauft hat.
„Tatsächlich?“, frage ich munter. „Was hatten Sie denn im Sinn?“ „Nun, wir dachten, Sie wären am besten in der Lage, uns zu sagen, was wir kaufen sollen, da Sie derjenige sind, der die Technik versteht.“ Da hat er verdammt recht; nicht jeder versteht, wie ich die Bilder aus dem Schreibwarenlager in dieser Qualität auf den Fernseher im Kaffeeraum kriege, noch dazu mit Nicam-Stereo-Sound und Zoom-Funktion. „Überlassen Sie das mir“, beruhige ich ihn. „Ich werde sehen, ob ich zuerst noch ein bisschen mehr Leistung aus diesem Haufen hier rausquetschen kann.“ Mit etwas Glück kann ich für ein paar Monate ein paar Tausender pro Woche für „Upgrades“ abgreifen und jeden Freitagabend den Takt wieder ein bisschen hochdrehen (das ist es doch, was man unter ‚inkrementellen Upgrades‘ versteht, oder?). Am Ende habe ich genug für dieses neue 52-Zoll-‚Konsolendisplay‘ zusammen, das einen Breitbildfernseher und einen eingebauten Satelliten-Decoder hat. UND der Chef wird glücklich sein, dass er ein paar hunderttausend Pfund gespart hat.
Manchmal frage ich mich, wie ich damit durchkomme. Leider bleiben da noch die profaneren Aufgaben des Tages. Der E-Mail-Filter ist enttäuschend; vielleicht fangen der CEO und das Mädel aus der Buchhaltung an, Lunte zu riechen, und benutzen Codes. Ich blättere durch das Buch der Ausreden. Oh nein, nicht „lunare Störungen“; wer soll das denn glauben? Das Telefon klingelt. Verdammt, das war unachtsam, ich habe vergessen, die Umleitung einzuschalten.
„Computerraum.“ „Oh, es tut mir schrecklich, schrecklich leid. Wirklich, schrecklich, furchtbar leid.“ Das ist nett, aber vielleicht ein bisschen wenig beschreibend. „Könnten Sie das präzisieren?“ „Ich habe gerade den Mainframe kaputt gemacht.“ Interessant. Wir haben gar keinen mehr. Ich habe ihn auf etwas mit schnellerer Grafik „downsized“, als Doom II rauskam. „Wie haben Sie das geschafft?“ „Ich habe gerade einen Eintrag in unseren Werbeverteiler hinzugefügt, mit einem Tippfehler drin, und jetzt antwortet der Mainframe nicht mehr. Es ist erst mein zweiter Tag hier und ich habe den Computer kaputt gemacht.“ „Von wo aus rufen Sie an?“ „Marketing.“
Damit wird alles klar. Sie hängt an dem Segment, das für die nächste halbe Stunde „versehentlich“ kurzgeschlossen ist. Das erinnert mich daran: Ich muss eine Funktion für zufällige Störungsdauern einbauen, bevor jemand merkt, dass ich jede Netzwerkstörung in exakt neunundzwanzig Minuten behebe.
„Okay, keine Sorge. Vor wie vielen Minuten haben Sie den Eintrag abgeschickt?“ „Vor etwa zwei Minuten.“ „Kein Problem. Da es die Datenbank Ihres Chefs ist, kontaktiert der Mainframe ein automatisches System auf seinem PC, das die Transaktion bestätigen muss, bevor der Mainframe sie akzeptiert. Solange Sie in den nächsten... äh... 23 Sekunden in sein Büro kommen und den Netzwerkstecker rausziehen, wird die Transaktion nicht rechtzeitig zur Bestätigung dort angekommen sein.“ „Oh danke, danke! Wie kann ich Ihnen jemals genug danken?“ Mir fallen da ein paar Wege ein, aber sie hat schon aufgelegt und ist losgerannt, und ich finde mich dabei wieder, wie ich „Es ist das gelbe Kabel!“ in den leeren Raum rufe.
Ich warte darauf, dass das Telefon klingelt. In Anbetracht dessen, dass es ein 20-Sekunden-Lauf ist und ihr Chef weitere 15 Sekunden braucht, um zu begreifen, warum eine Sekretärin plötzlich hereinstürmt und alle Kabel aus seinem Rechner reißt, nutze ich die Gelegenheit für ein kurzes ‚grep‘ im FTP-Log. Zehn GIFs und vierzehn JPEGs, der Download wird eine Weile dauern, also teile ich mir am besten ein größeres Stück von der Standleitung zu... es wird den anderen nicht schaden, sich für eine Weile 8 kbit/s zu teilen.
Das Telefon klingelt, drei Sekunden zu früh. „Computerraum?“ „Ja?“ „Können Sie mir erklären, warum meine Sekretärin gerade hier reingestürmt ist und meinen PC demoliert hat, mit der Behauptung, Sie hätten ihr das gesagt?“, verlangt er zu wissen. Nein, sicher komme ich damit nicht durch. Das muss er doch durchschauen...
„Lunare Störungen.“ Die plötzliche Aura von Mitgefühl am anderen Ende der Leitung sagt mir, dass ich wieder einmal damit durchgekommen bin. Nicht nur ein hübsches Gesicht, sondern ein Bastard-Astronom aus der Hölle...
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